IX Internationales Symposium zur baltischen literarischen Kultur


IX Internationales Symposium zur baltischen literarischen Kultur

Medien der Aufklärung. Aufklärung der Medien

im Rahmen der Academica (deutsch-estnische Wissenschaftswoche in Tartu)* 

Tartu, 4.-6. September 2017

Die Wurzeln der heutigen Informationsgesellschaft liegen im Zeitalter der Aufklärung. Just um diese Zeit entstand die Medienlandschaft bzw. die Form von Öffentlichkeit, wie wir sie heute kennen. Das Wissen wurde zum Grundstein einer neuen Gesellschaftsordnung. Erwerb, Vermittlung und Vertrieb von Wissen, zunächst nur ein Privileg der elitären respublica litteraria, schloss im Zuge der Volksaufklärung endlich alle Gesellschaftsschichten mit ein. Auch unter Bauern reichte die traditionelle, unmittelbare mündliche Weitergabe von Wissen nicht mehr aus. Die Wissensgesellschaft setzte Lesefähigkeit voraus. Das Lesen und der anschließende Gedankenaustausch über das Gelesene wurden zu einer neuen Form der Kommunikation, die die bisherigen Arten der Wissensvermittlung verdrängte und den Aufstieg neuer medialer Formen wie Enzyklopädien oder Zeitschriften sowie des Romans mit sich brachte.

Auch im Baltikum fanden diese Transformationsprozesse statt. Auch dort entstanden neue Arten von Kommunikationsnetzwerken: Freimaurerlogen, Klubs, Lesezirkel, Bibliotheken, Zeitungen, Theater sowie generell eine literarische Öffentlichkeit. Die Ostseeprovinzen des russischen Zarenreiches gehörten zum Kommunikationsraum der europäischen Aufklärung. Gleichwohl war die baltische Aufklärung in besonderer Weise eine „geteilte Aufklärung“ (T. Taterka), weil sie mehr als anderswo in Europa mit dem Kolonialismus und mit der Problematik der ethnischen Dominanz verbunden war. Die horizontale, deutschsprachige gelehrte Aufklärung kreuzte sich hier mit der vertikal ausgerichteten Volksaufklärung, deren Hauptträger deutschsprachige Gelehrte und Gebildete (vor allem Pastoren) und deren Hauptadressaten die ,Undeutschen‘, d. h. Esten und Letten, waren. Da hier die sozialen und sprachlichen Grenzen übereinstimmten, bedingte die Sprachwahl zugleich besondere Medien und Adressatenmodelle.

Wie haben die neuen Ideen und Ideale aus den Zentren der europäischen Aufklärung die baltischen Länder erreicht und welche Form haben sie aufgrund der kolonialen Situation angenommen? Welches Verhältnis hatte die europäische Aufklärung generell zum Kolonialismus? Wo entstanden Zentren und was waren wichtige Kommunikationswege (sowohl in den baltischen Ländern als auch anderswo in Europa)? Inwiefern gab es einen intensiven Gedankenaustausch mit den Zentren der Aufklärung? Wer waren die wichtigsten Vertreter der baltischen Aufklärung und an wen richtete sich die Aufklärung? Welche Funktionen hatten die unterschiedlichen Sprachen im Vermittlungsprozess? Inwiefern ergänzt oder erweitert die baltische Aufklärung das Gesamtbild der europäischen Aufklärung? Welche „geteilten“ Erfahrungen und Formen gilt es noch in der europäischen Aufklärung zu entdecken? Was sind die Sprachen der europäischen Aufklärung und inwieweit sind die Medienpraktiken durch die Sprache bedingt?

4. September


Ort: Aula der Universität Tartu

17.00-19.30
- Liina Lukas, Silke Pasewalck (Tartu), Eröffnung des Academia-Symposiums „Medien der Aufklärung. Aufklärung der Medien“ und der internationalen Erasmus+ Sommerschule „Die baltische Aufklärung und ihr Erbe“ in Tartu

Grußworte:
- Prof. Margit Sutrop (Tartu), Dekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät
- Christoph Eichhorn, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tallinn
- Urmas Klaas (Tartu), Oberbürgermeister der Stadt Tartu
- Liina Lukas (Tartu), Auf den Spuren der Aufklärung in Tartu
- Silke Pasewalck (Tartu), Tartu als interkulturelles Palimpsest

Eröffnungsvorträge:
- Daniel Fulda (Halle), Bildmedien und die Programmatik der Aufklärung, Daniel Fulda (Halle):
- Juhan Maiste (Tartu), Tartu University – Icon of Enlightenment

5. September


Ort: Hauptgebäude der Universität Tartu, Auditorium 128

9.00-10.45 Medien der Aufklärung im 18. Jahrhundert (Moderation: Liina Lukas)
- Tristan Coignard (Bordeaux, per Skype)
, Die "Archives littéraires de l'Europe" (1804-1808). Ein Medium der Aufklärung mit transnationaler Ausrichtung
- Martin Gierl (Lichtenberg-Kolleg/Universität Göttingen), Aufklärung der Medien: Grindels Russisches Jahrbuch der Pharmacie, Hupels Nordische Miscellaneen und die Göttinger Fachjournale am Ende des 18. Jahrhunderts
- Heinrich Bosse (Freiburg), „Baltische Briefe“ im 18. Jahrhundert

10.45-11.15 Kaffeepause

11.15-13.00 Medien der baltischen Aufklärung (Moderation: Silke Pasewalck)
- Martin Klöker (Tallinn/Osnabrück), Die mediale Pragmatik der Aufklärer in der Region: C.F.D. Schubart und A.W. Hupel - Aiga Šemeta (Riga), Moralische Wochenschriften in Riga
- Liina Lukas (Tartu), Medien der literarischen Kommunikation im Baltikum um 1800: das Feld im Feld

13.00-14.00 Mittagspause

14.00-15.45 Aufklärung durch Medien (Moderation: Martin Klöker)
- Ruth Florack (Göttingen), Estland und die Esten in Wielands Teutschem Merkur
- Kairit Kaur (Tartu/Tallinn), Zur Rezeption der englischsprachigen Kultur in deutschbaltischen Zeitschriften der Aufklärung (bis ca. 1840)
- Silke Pasewalck (Tartu), Übersetzung als Medium der baltischen Aufklärung - am Beispiel von Schillers Ode An die Freude und deren Rezeption im Baltikum

15.45-16.15 Kaffeepause

16.15-18.00 Die Bühne als Medium der Aufklärung (Moderation: Ruth Florack)
- Kristel Pappel (Tallinn), Die Oper als Medium der Aufklärung
- Mara Grudule (Riga), Reconstructing the musical life in Latvia: J. J. Harder, G. F. Stender.
- Tiina-Erika Friedenthal (Tartu), Das Theater als Medium der Aufklärung

6. September


Ort: Hauptgebäude der Universität Tartu, Auditorium 128

9.00-10.45 Aufklärerische Medientheorie und Sprachkritik (Moderation: Kaspar Renner)
- Andreas Degen (Potsdam), Ansätze zu einer Medientheorie der Faszination bei Johann Georg Hamann
- Jost Eickmeyer (Berlin), Konstellationen spätaufklärerischer Sprachkritik. Carl Gustav Jochmann und Walter Benjamin
- Eduard Parhomenko (Tartu), Kritische Philosophie zwischen Medialisierung und Internalisierung. Am Beispiel von Gottlob Benjamin Jäsche, dem Herausgeber von Kants Vorlesungen

10.45- 11.15 Kaffeepause

11.15-13.00 Kolonialismus und Aufklärung (Moderation: Ulrike Plath)
- Jaan Undusk (Tallinn), Der Adel als ein wechselnder Wunsch- und Alptraum - FÄLLT AUS
- Eva Piirimäe (Tartu), The most extensive commercial republic in the world: Herder on the Hanseatic League and Europe's 'common spirit'.
Kadi Kähär-Peterson (Tartu), Why to write? Garlieb Merkel on the written mediums of Enlightenment

13.00-14.00 Mittagspause

14.00-15.15 Aufklärung der Frauen (Moderation: Kairit Kaur)
- Ulrike Plath (Tallinn), Literatur für Frauen in der baltischen Aufklärung
- Merili Metsvahi (Tartu), The topic of unwed mothers in August Wilhelm Hupel's writings

15.15-16.30 Aufklärung der Bauern (Moderation: Kadi Kähär-Peterson)
- Epi Tohvri (Tartu), G.F. Parrot`s Enlightenment era liberal education program and the new image of the peasants
- Mati Laur (Tartu), Die Sexualität der livländischen Bauern im Lichte der Aufklärung

16.30-17.00 Kaffeepause

17.00-18.45 Aufklärung und Theologie (Moderation: Tiina-Erika Friedenthal)
- Björn Hambsch (Potsdam), Theologen als Medienstars der Aufklärung
- Aira Võsa (Tallinn), Aufklärungstheologie in Druckmedien der Baltischen Provinzen Russlands
- Kaspar Renner (Potsdam), Der Prediger als Schauspieler? Herders, Redner Gottes‘ (1765) und Kinskis ,Jesus Christus Erlöser‘ (1971) im Vergleich

18.45 Liina Lukas/Silke Pasewalck, Abschluss der Tagung

Abstracts finden Sie hier.

* Die Deutsch-Estnische Wissenschaftswoche Academica wird seit 1995 von der Universität Tartu organisiert und durch den Arbeitgeberverband Nordrhein-Westfalen sowie die Deutsche Botschaft in Estland unterstützt.

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