Über die Konferenz

Baltische Bildungsgeschichte(n)

Interdisziplinäre Tagung, 19.-22.9.2016, Tartu

Im Zuge von Handelskontakten, Christianisierung, Ordenskriegen und Rechtsimport gerieten die autochthonen Völkerschaften des baltischen Raums unter kulturelle, sprachliche und politische Einflüsse unterschiedlichen Gewichts. Sie wurden dadurch Formierungsprozessen ausgesetzt, die immer wieder mit kolonialen Prozessen verglichen werden. Auf Seite der dominierenden Kulturen (Deutsche, Dänen, Polen, Schweden, Russen) hatte dies ein beträchtliches Aufgebot an wirtschaftlichen, juristischen, religiösen und kulturellen Einrichtungen zur Folge, ein Heer von Spezialisten (Amtsleute, Juristen, Pfarrer, Literaten, Pädagogen) sollte die Machtverhältnisse auch im Bewusstsein der Beherrschten verankern. Zu diesem Zweck und aufgrund des Muttersprachengebots seit der Reformation mussten viele dieser Spezialisten sich mit den dominierten Kulturen und Sprachen beschäftigen, was in Publizistik, Literatur und Wissenschaft zu einer verstärkten Reflexion über die baltischen Sprachen und Ethnien sowie über das asymmetrische Spannungsgefüge zwischen jeweils überlegener und unterlegener Kultur führte. Gesetzgebung und kulturelle Arbeit sollten zugleich das soziale und kulturelle Überleben der herrschenden Minderheiten sichern. Diese Situation führte zu einer zeitweise in ganz Europa sichtbaren außergewöhnlichen Dichte an Bildungsanstrengungen im Baltikum (man denke nur an die zahlreichen Hofmeister des 18. Jahrhunderts, die den geistigen Austausch weit über das Baltikum hinaus sicherten). In die kulturelle Sphäre der Mächtigen hineinsozialisierte Gelehrte oft bäuerlicher Herkunft begannen schließlich von den dominanten Bildungswelten aus und mit deren Mitteln, aber gegen sie Konzepte einer ‚eigenen‘ Kultur der jeweiligen baltischen Sprachgemeinschaften zu erarbeiten. Damit einher ging eine innere Formierung der baltischen Völker seit der Zeit des ersten „nationalen Erwachens“, die oft ihrerseits Symptome einer „inneren Kolonisation“ (wie in Preußen die planmäßige Ausformung der eigenen Gesellschaft genannt wurde) zeigen. Wie alle Nationen konstituieren ja auch die baltischen Nationen sich selbst – zeitweise in erzwungener Abstimmung mit sowjetischen Vorgaben – mit Hilfe von Bildungsmaßnahmen, Schulen, Literatur, Kultur, Medien, Sprachpolitik etc. In der Gegenwart müssen sie nun umgehen mit Minderheiten, insbesondere natürlich der russischen, sowie mit Sprach- und Kulturkontaktsituationen verschiedenster Art.

Baltische Geschichte, aber auch Wirtschaft, Verwaltung, Sprache, Recht, Kultur und Literatur der baltischen Länder berühren so fast unvermeidlich in fast allen ihren Dimensionen den Aspekt „Bildung“ – über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg lassen die Geschichten der baltischen Völker und Kulturen sich (auch) als Bildungsgeschichten erzählen. Für das Thema „Bildung“ stellt das Baltikum drüber hinaus eine Schlüsselregion von besonderem exemplarischen Wert dar: Bildung hat ja ohnehin immer eine koloniale Dimension, insofern als überlegen definierte Personen angeblich Unterlegenen mit dem Versprechen oder dem Anspruch gegenübertreten, diese einem Konzept gemäß zu „bilden“, demzufolge sie erst zu richtig ‚gebildeten‘ Menschen werden können sollen. Dass der Gegensatz zwischen Bildenden und zu Bildenden im Baltikum lange Zeit auf verschiedene ethnische Gruppen verteilt sein konnte, macht diese jeder Bildung inhärente Spannung umso sichtbarer. Das Thema „Baltische Bildungsgeschichte(n)“ bietet so Platz für viele Forschungsansätze aus allen Bereichen der kulturhistorischen wie der gegenwartsbezogenen Baltikumsforschung. Wir bitten um Tagungsbeiträge, die in dieses breite Spektrum passen, seien es Analysen relevanter Diskursfelder, religiöser oder kultureller Strömungen und Einrichtungen oder ganzer wissenschaftlicher Fächer, seien es Forschungen zu exemplarischen oder herausragenden Geschichten Einzelner, Gruppen oder ganzer Völker.

 

Sektionen:

1. Sektion: Medien der Bildung (Sektionsleitung Ulrike Plath und Maris Saagpakk)

2. Sektion: Sprachen der Bildung – Bildung der Sprachen (Sektionsleitung Reet Bender und Eglė Kontutytė)

3. Sektion: Bildung, Schule und Integration (Sektionsleitung: Jürgen Joachimsthaler und Monika Reif-Hülser)

4. Sektion: Symbolische Ordnungen (Sektionsleitung: Karsten Brüggemann und Jaan Undusk)

5. Sektion: Institutionen der Bildung (Sektionsleitung: Liina Lukas und Silke Pasewalck)

6. Sektion: Akteure der Bildung (Sektionsleitung: Jost Eickmeyer und Anu Schaper)

7. Sektion: Nation building – Bildung der Nationen (Sektionsleitung: Thomas Taterka und Antje Johanning-Radžienė)

8. Sektion: Strukturen der Macht in Sprache, Literatur und Kultur (Sektionsleitung:  Rūta Eidukevičienė und Andreas F. Kelletat)

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