{"id":95,"date":"2024-09-09T00:11:43","date_gmt":"2024-09-08T21:11:43","guid":{"rendered":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/?page_id=95"},"modified":"2024-09-12T00:08:41","modified_gmt":"2024-09-11T21:08:41","slug":"abstracts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/abstracts\/","title":{"rendered":"Abstracts"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anna Ananieva; Rolf Haaser<\/strong> \/\u00a0Universit\u00e4t T\u00fcbingen<br><strong><em>Bekenntnisse eines sentimentalen Reisenden: Die verschlungenen Reise- und Lebenswege in der autofiktionalen Prosa August von Kotzebues<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der in Weimar geborene August von Kotzebue (1761-1818) lie\u00df sich im Alter von 22 Jahren in Reval (Tallinn) nieder. Die 1785 erfolgte Heirat mit Friederike von Essen (1763-1790), einer Tochter des Oberkommandanten von Reval, festigte die sozialen Verbindungen zu seiner baltischen Wahlheimat. Hier setzte Kotzebue seine zuvor in Jena und St. Petersburg begonnen Besch\u00e4ftigungen mit der Literatur und dem Journalismus erfolgreich fort und erschien schon bald als Theaterautor im Rampenlicht der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit. Die Erstauff\u00fchrungen seiner Schauspiele \u201eMenschenha\u00df und Reue\u201c (1788), \u201eDie Indianer in England\u201c (1789) und \u201eKind der Liebe\u201c (1790), die das Revaler Liebhabertheater inszeniert hatte, bereiteten den internationalen Aufstieg Kotzebues als gefeierter Theatermacher und skandalumwitterter Publizist vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vortrag geht den Strategien der Selbstinszenierung nach, die Kotzebue in seiner autobiografischen Prosa und zwar in Form von Reisebeschreibungen entwickelte. Im Mittelpunkt des Vortrages steht die Reisebeschreibung \u201eMeine Flucht nach Paris im Winter 1790\u201c (Leipzig: Kummer, 1791), die als eine wegweisende Literaturproduktion f\u00fcr die Herausbildung einer markanten Poetologie des Ichs vorgestellt und im Kontext der sp\u00e4teren autofiktionalen Reiseerz\u00e4hlungen Kotzebues verortet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der unerwartete Tod seiner Frau Friederike l\u00f6ste im November 1790 eine Lebenskrise aus, die August von Kotzebue durch eine Reise in das revolution\u00e4re Frankreich zu bew\u00e4ltigen suchte. Die pers\u00f6nliche Trag\u00f6die, die sich w\u00e4hrend eines Erholungsurlaubs der Familie in Deutschland ereignete, ersch\u00fctterte den Lebensweg des Schriftstellers auf eine dramatische Weise. Im Vortrag werden die originellen poetologischen Wege beleuchtet, die Kotzebue kunstvoll einschlug, indem er sich zwischen der skandalisierenden Selbstentbl\u00f6\u00dfung im Stile von J.-J. Rousseaus \u201eConfessions\u201c (1782; 1789), den aktuellen Paris-Beschreibungen wie \u201e\u00dcber Paris und die Pariser\u201c (1791) von Friedrich Schulz und der spielerischen Inszenierung einer sentimentalen Reiseerz\u00e4hlung, wie sie Nikolaj Karamzin in den \u201eBriefen eines russischen Reisenden\u201c (1791-1792) zeigte, bewegte. Denn die literarische Verarbeitung dieser Lebenskrise in einer Reisebeschreibung, die Kotzebue zeitnah einem breiten Publikum in Buchform pr\u00e4sentierte, festigte seine Position als Erfolgsschriftsteller.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Raivis Bi\u010devskis<\/strong> \/\u00a0Universit\u00e4t Lettlands in Riga<br><strong><em>\u201cDie Wolkenteufel\u201d. Ludwig Klages\u2019 Nordische Runde im Baltikum<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph, Graphologe und Autor des ersten modernen \u00f6kologischen Manifestes \u201cMensch und Erde\u201d (1913) Ludwig Klages reiste 1935 mit Vortragen nach Skandinavien und Baltikum. Diese Reise, die Klages selbst \u201cdie nordische Runde\u201d genannt hat, f\u00fchrte ihn von Niederlanden durch D\u00e4nmark, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland zur\u00fcck nach Deutschland, wo er aber nicht mehr lebte \u2013 seit Jahren war sein Domezil Z\u00fcrch in Schweiz. Im Verlauf von 45 Tagen hielt Klages in der 24 St\u00e4dten gut besuchten Vortr\u00e4ge zur Graphologie, Charakterkunde, Nietzsches Philosophie und philosophischen Grundbegriffen, die polemisch angelegt waren. Die Reise, die ihn auch nach Tallinn, Tartu und Riga f\u00fchrte, spiegelt sich in seinen<\/p>\n\n\n\n<p>Reisenotizen und auch im Reisebericht wieder. Die Archivmaterialien, die heute im Schiller-Literaturarchiv Marbach aufbewahrt sind, laden uns heute ein eine Reise zu rekonstruieren, wo sich viele Dimensionen der Zeitgeschichte, Ideengeschichte, aber auch Institutionengeschichte und Geschichte der Reisekultur zwielichtartig erschliessen. Diskursanalytisch, aber auch kritisch-hermeneutisch gelesen, erweist sich die Reisematerialien als Selbstpositionierung eines Philosophen, der damals ambivalent zur politischen Lage in Deutschland stand, aber auch als ein Palimpsest der im Spiegel von Klages\u2019 reflektierten skandinavischen, deutschbaltischen, estnischen und lettischen Perspektiven auf das Geschehen der Zeit und auf das Baltikum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Betty Brux-Pinkwart <\/strong>\/ Eutiner Landesbibliothek<br><strong><em>Vom Baltikum nach Down Under \u2013 Der Australienaufenthalt Helene von Engelhardts 1885 bis 1894 in Briefen und Werken<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Vortrag m\u00f6chte sich der in Vileikiai (Ostpreu\u00dfen\/Litauen) geborenen deutschbaltischen Schriftstellerin und \u00dcbersetzerin Helene von Engelhardt-Schnellstein, ab 1876 verheiratete Pabst (1850\u20131910) zuwenden. Bekanntheit erlangte sie vor allem durch ihre lyrischen Arbeiten und das Verfassen von Versepen. Weniger bekannt hingegen ist, dass sie 1908 einen Prosaband ver\u00f6ffentlicht hat, der dem Untertitel zufolge Novellen, Studien und Erinnerungsbl\u00e4tter enth\u00e4lt. Unter dem Titel Zeichnungen eines Fahrenden enth\u00e4lt der Band f\u00fcnf Erz\u00e4hlungen, die Reisen des Ich-Erz\u00e4hlers Felix von Nordstein, hinter dem sich niemand anderes verbirgt als die Autorin selbst, dokumentieren und die ihn vom S\u00fcden Deutschlands, \u00fcber London, Italien bis nach Australien f\u00fchren. Der Vortrag m\u00f6chte diese literarischen Reisetexte, die zum Teil detaillierte Einblicke in die zeitgen\u00f6ssische Reisepraxis per Eisenbahn und Dampfschiff geben, vorstellen und in Beziehung zu der umfangreichen Reiset\u00e4tigkeit Helene von Engelhardts setzen. Aufgewachsen und ausgebildet in Ostpreu\u00dfen und Kurland, lebte sie bereits 1869 bis 1870 in Stuttgart. Im Anschluss zog sie mit ihrer Familie nach Riga, wo sie ihren zuk\u00fcnftigen Ehemann, den aus K\u00f6nigsberg stammenden Komponisten und Pianisten Louis Pabst (1846\u20131921) kennenlernte und heiratete. Sie begleitete ihn auf zahlreichen Konzertreisen innerhalb Deutschlands, nach \u00d6sterreich (u.a. Wien), Gro\u00dfbritannien (u.a. London) und Russland (u.a. Moskau). Ab 1885 lebte das Paar zehn Jahre lang in Australien (Melbourne). Weitere Lebensstationen f\u00fchrten sie dann nach \u00c4gypten, Weimar, Wiesbaden und Wien, wo die Schriftstellerin schlie\u00dflich 1910 starb. Die prosaischen Texte von Helene von Engelhardt lassen autobiographische Bez\u00fcge erkennen, die die bisher noch wenig bekannte Biographie der Autorin n\u00e4her erhellen k\u00f6nnen. Es soll der Versuch unternommen werden, weiteres Quellenmaterial zu Helene von Engelhardt zu heben, autobiographische Bez\u00fcge in ihren Erz\u00e4hlungen realhistorisch zu untermauern und ihre rege Reiset\u00e4tigkeit n\u00e4her zu skizzieren. Das Formulieren von Fragen zur literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Helene von Engelhardt soll den Vortrag abrunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aleksej Burov <\/strong>\/ Universit\u00e4t Vilnius<br><strong><em>Das deutsche Kulturerbe im Baltikum aus der Sicht eines Reisenden aus Litauen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem geplanten Vortrag wird das Ziel verfolgt, die Reiseberichte des litauischen Philosophen, Politikers und Schriftstellers Arvydas Juozaitis (gerb. 1956, Vilnius) zu untersuchen. Aufgrund seiner diplomatischen T\u00e4tigkeit in Kaliningrad (2004\u20132009), dem langj\u00e4hrigen Aufenthalt in Riga (2009\u20132012) und der akademischen Arbeit in Klaip\u0117da (2013\u20132018) sammelte Juozaitis wertvolle Erfahrungen als Reisender durch die Region. Diese fanden ein wenig sp\u00e4ter ihren Ausdruck in seiner Trilogie: \u201eDie k\u00f6nigliche Stadt ohne K\u00f6nige\u201c (2007), \u201eRiga als Zivilisation von niemandem\u201c (2011) und \u201eKlaip\u0117da. Das Geheimnis von Memel\u201c (2016). Bekannterweise waren aller drei St\u00e4dte \u2013 K\u00f6nigsberg, Memel und Riga \u2013 ma\u00dfgebend von der deutschen Kultur gepr\u00e4gt. Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern das deutsche Kulturerbe in den modernen Reiseberichten \u00fcber Kaliningrad, Klaip\u0117da und Riga von einem Reisenden aus Litauen erschlossen und dementsprechend thematisiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pauls Daija<\/strong> \/ Lettische Nationalbibliothek<br><strong><em>Andreas Bergmann\u2019s journey form Courland to East Prussia in 1831<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Andreas Bergmann (Andrejs Bergmanis, 1810\u20131869) was a Latvian teacher. He was born in Courland in the family of a peasant and was noticed early on by the pastor of Zirau\/C\u012brava, Johan Christoph Walter, who took him in as a child for home education. Bergmann was twenty-one years old when he left Courland in 1831 and went to study at Dexen Teachers\u2019 Seminary in East Prussia (near Konigsberg). Thanks to Walter\u2019s care, Bergmann\u2019s travel writings as well as letters to the pastor, family, friends and supporters were regularly published in Latvian newspaper \u201cLatweeschu Awises\u201d (\u201cLatvian Newspaper\u201d). These letters are a fascinating document of the era. They reveal the inner world of the son of Latvian serf and the experience associated with rising above one\u2019s social rank. Bergmann\u2019s acculturation process in East Prussia is described in detail along with first acquaintance with the wider world, where everything seemed surprising to him and where he was kindly received.\u00a0After finishing his studies he returned to Latvia, established a celebrated school for peasants (it was praised by Garlieb Merkel among others) and later took an ambiguous stand against Latvian national awakening movement.\u00a0Bergmann wrote his letters home as well as travel descriptions in Latvian (of course, not without German words) so as not to forget his language. At this moment, they haven\u2019t been translated into any other language and remain accesible only in Latvian.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Iwan-Michelangelo D\u2019Aprile <\/strong>\/ Universit\u00e4t Potsdam\u00a0<br><strong><em>Schiffbruch mit Goethe. Reise- und Karrierewege baltischer Sp\u00e4taufkl\u00e4rer (Lenz, Jenisch, Boehlendorff)<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Reisen von nicht-adligen deutsch-baltischen Schriftstellern im 18. Jahrhundert waren in aller Regel berufs- und karrierebedingte Reisen. Als Hofmeister und Hauslehrer begleiteten sie adlige Funktionstr\u00e4ger und wohlhabende Kaufleute in der Hoffnung, sich an einem der kulturellen Zentren des deutschsprachigen Raumes beruflich zu etablieren: an F\u00fcrstenh\u00f6fen, Universit\u00e4ten oder st\u00e4dtischen Marktzentren. Auch wenn eine R\u00fcckkehr nicht ausgeschlossen war, handelte es sich in heutiger Terminologie eher um Formen der Wirtschafts- und Arbeitsemigration. Sowohl die Reiseziele als auch die Reiserouten sind hieraus erkl\u00e4rbar, w\u00e4hrend dies in den Reiseberichten zumeist hinter vielf\u00e4ltigen Literarisierungen und Idealisierungen zur\u00fccktritt. Dies gilt auch und insbesondere f\u00fcr den heute bekanntesten deutsch-baltischen Reisenden Johann Gottfried Herder und dessen \u201eJournal meiner Reise im Jahr 1769\u201c. In dem Vortrag werden drei Beispiele von tragisch gescheiterten Versuchen solcher Arbeitsemigration deutsch-baltischer Schriftsteller in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung diskutiert, wobei sich in den Reise- und Karrierewegen von Jakob Michael Reinhold Lenz, Daniel Jenisch und Casimir Boehlendorff auff\u00e4llige Parallelen zeigen: als intellektuelle Hoffnungstr\u00e4ger aus der baltischen Heimat gestartet und mit der Empfehlung renommierter Gelehrter und Schriftsteller (Kant, Hamann, Herder, H\u00f6lderlin u.a.) ausgestattet, bem\u00fchten sie sich erfolglos um die Anerkennung durch den literarischen Meinungsf\u00fchrer und Kulturfunktion\u00e4r Goethe. Dessen vernichtende Reaktion, die weit \u00fcber das Sachliche hinausging und bewusst auf ihre \u00f6ffentliche Diskreditierung und Pathologisierung zielte, bedeutete f\u00fcr sie einen umfassenden existentiellen Schiffbruch, der sich in materieller Not, geistiger Zerr\u00fcttung, Suizidversuchen bzw. tats\u00e4chlich erfolgten Suiziden sowie der literarischen \u00c4chtung noch weit \u00fcber ihr Lebensende hinaus in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung manifestiert. Angesichts der \u00fcber das Pers\u00f6nliche weit hinausgehenden erkennbaren gemeinsamen Muster der jeweiligen Goethe\u2019schen Verrisse und angesichts des \u00fcberproportional hohen Anteils deutsch-baltischer Schriftsteller unter den \u201eGoethe-Opfern\u201c (Timan Jens) wirft der Vortrag die Frage nach m\u00f6glichen strukturellen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr dieses auff\u00e4llige Ph\u00e4nomen des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tiina-Erika Friedenthal<\/strong> \/ Universit\u00e4t Tartu<br><strong>\u201c<em>Ich sah im Traum, dass ich zum Ende der Welt ging\u2026\u201d Reisetexte der Br\u00fcdergemeine in Livland und Estland<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die 1727 in Herrnhut (Deutschland) gegr\u00fcndete Br\u00fcdergemeine unternahm zahlreiche Missionsreisen und besuchte Gemeinden weltweit. Auf Einladung einiger Einwohner Rigas erreichten die Br\u00fcder bereits 1729 Livland. Christian David, ein Handwerker und Mitbegr\u00fcnder der Herrnhuter Gemeinde, verbrachte fast ein Jahr in Livland und Estland, und schrieb nach Herrnhut \u00fcber seine Reise sowie \u00fcber das, was er vor Ort sah und tat. Ihm folgten weitere Mitarbeiter aus Herrnhut, die alle in Briefen, Berichten und Tageb\u00fcchern \u00fcber ihre Reisen und die \u00f6rtlichen Gegebenheiten und T\u00e4tigkeiten schrieben. Solche Texte erreichten auch Livland, wo die Bewegung sowohl Deutsche \u2013 Adlige, Kaufleute, Handwerker, Geistliche, Schulmeister \u2013 als auch Esten und Letten erfasste, die gr\u00f6\u00dftenteils leibeigene Bauern waren. Die Herrnhuter \u201eReisetexte\u201c wurden auch ins Estnische und Lettische \u00fcbersetzt und den Br\u00fcdern und Schwestern vorgelesen, die als leibeigene Bauern kein Recht hatten, ihre Wohnort zu verlassen. Sie konnten nicht reisen. Im Fokus des Vortrags stehen die Grenzen der Bewegungsfreiheit der \u201eerwachten\u201c Bauern des 18. Jahrhunderts, seine Reaktionen auf die Reisetexte sowie seine M\u00f6glichkeiten, \u00fcber eigene Reisen zu berichten und zu schreiben. Als Quellenmaterial dienen haupts\u00e4chlich die von dem Literaturwissenschaftler Rudolf P\u00f5ldm\u00e4e und dem Kirchenhistoriker Voldemar Ilja zusammengetragenen Texte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Uwe Hentschel<\/strong> \/ TU Chemnitz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Mein Herz klopft w\u00e4rmer als es seit Jahren that: Ich habe Republikaner gesehn! <\/em><br>[Garlieb Merkel an Carl August B\u00f6ttiger, 8. Dezember 1798]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Auto- und Heteroimages im Reisebericht Garlieb Merkels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Reiseberichte liefern keine Wirklichkeitsbeschreibungen, sondern vielmehr Wirklichkeitsauffassungen; diese sind wesentlich mitgepr\u00e4gt durch die Ausgangserfahrungen und das in die Fremde mitgebrachte Wissen des Reisenden. In dem Tagungsbeitrag wird der Frage nachgegangen, inwieweit Merkels Reisebericht \u00fcber die deutschen Hansest\u00e4dte Hamburg und L\u00fcbeck gepr\u00e4gt ist von den politisch-aufkl\u00e4rerischen Ma\u00dfgaben, die Merkel bereits in Lettland ausgepr\u00e4gt und in seiner Kampfschrift \u00fcber <em>Die Letten<\/em> angelegt hat. Vergleichbar im methodischen Ansatz verfasst er nun ein sozialkritisches Tableau, das als republikanisches Gegenbild zur Heimatkultur entworfen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kairit Kaur<\/strong> \/\u00a0Universit\u00e4t Tartu, Akademische Bibliothek der Universit\u00e4t Tallinn<br><strong><em>\u00b4Reise Beschreibung\u00b4 (1754) des Revaler Kaufmanns Heinrich Johann von Glehn<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Reisen spielte eine wichtige Rolle im Leben der Kaufleute. Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist in der Sammlung der Baltica-Abteilung der Akademischen Bibliothek der Universit\u00e4t Tallinn ein Reisebericht des Revaler Kaufmanns Heinrich Johann von Glehn (1726\u20131760) erhalten. Darin erinnert er sich \u2013 in Versen! \u2013 an mehrere Reisen. Die erste Reise unternahm er im Jahr 1750 und diese f\u00fchrte ihn \u00fcber Narva nach St. Petersburg, die zweite 1751 \u00fcber Liv-, Kurland und Preu\u00dfen nach Deutschland und in die Niederlande. W\u00e4hrend der dritten Reise 1753 begab er sich aus den Niederlanden weiter nach England und Frankreich, um schlie\u00dflich \u00fcber Deutschland nach Reval zur\u00fcckzukehren, wo er im M\u00e4rz 1754 angekommen ist. Die Niederschrift seiner versifizierten Erinnerungen begann er w\u00e4hrend seiner letzten Reise bei einem Aufenthalt in Leipzig. Erst nach der Michaelismesse angekommen, hatte er nur wenige Aufgaben und deshalb etwas Mu\u00dfe, um \u00fcber seine Reiseeindr\u00fccke zu sinnieren. Was dabei herauskam, dar\u00fcber n\u00e4her im Vortrag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas Keller <\/strong>\/ Universit\u00e4t Potsdam<br><strong><em>\u201e\u2026 au\u00dferhalb des eigentlichen Ernstes des Lebens\u201c: Reisen als Lizenz zur Relativierung des gesellschaftlichen Status in den Werken der Theophile von Bodisco (1873-1944)<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gero von Wilpert bezeichnet Theophile von Bodisco zwar als \u201eLichtblick\u201c in der langen Reihe fr\u00fcher deutschbaltischer Erz\u00e4hlerinnen, das Werk der in Reval\/Talinn geborenen Autorin aber findet bis heute nur wenig geb\u00fchrende Beachtung. Meist tritt sie nur knapp benannt in literarischen \u00dcberblicksdarstellungen hervor, in Verbindung mit eher allgemeinen Rubriken. Der Vortrag unternimmt nun einen Versuch, sie unter der Reisethematik etwas fundierter in das wissenschaftliche Gespr\u00e4ch zu bringen. Das Reisen erscheint in den Texten der baltischen Adligen ganz explizit als \u201ewirkliches Leben\u201c, es gilt ihr als \u201elosgel\u00f6stes\u201c Gef\u00fchl und steht mit semantischen Gr\u00f6\u00dfen wie \u201eTraum\u201c und \u201eIdealismus\u201c in einer direkten Beziehung. Ihr erster Roman (1912) trug noch den Arbeitstitel \u201eLebensspiel und Lebensernst\u201c, bevor sie ihn dann 1913 unter \u201eIm Hause des alten Freiherrn\u201c publizierte. Hier bieten sich M\u00f6glichkeiten, einen spezifischen Realit\u00e4tsbegriff zwischen der akribischen Beschreibung des Wahrgenommenen (\u201egewissenhaft alte Ruinen besehen\u201c), der literarischen Erfindung und der poetischen Imagination zu eruieren. Daher gilt es vorab, die gattungskritischen Korrelationen zwischen Roman, Bericht und Autobiografie \u2014 allesamt eng mit den politischen Systemen und Wechseln im Baltikum verkn\u00fcpft \u2014 nachzuzeichnen, um die Reflexionen und Findungsprozesse der Autorin als Individuum und Repr\u00e4sentantin des deutschen Adels genauer bestimmen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die Selbstrelativierung als Standesperson in Verbindung mit dem festen Bekenntnis zu ihrer Herkunftsregion l\u00e4sst sich gerade \u00fcber die Leitkategorien der adligen Lebenswelt besonders gut verfolgen. Die Verinnerlichung von Konventionen und st\u00e4ndischen Verhaltensmustern vollzieht sich bei ihr biografisch zeitgleich mit dem sich \u00f6ffnenden Panorama des begr\u00fcndeten und lizensierten Versto\u00dfes. Auch der Endpunkt einer g\u00e4nzlichen Abschaffung dieser traditionsreichen Lebenswelt gibt sich in den oft unscheinbaren Bemerkungen der Reisedarstellungen deutlich zu erkennen. Eine entsprechende Freilegung der Tiefenstrukturen soll hier weitere Aufschl\u00fcsse erbringen, allerdings nicht nicht nur in sozialgeschichtlicher Hinsicht: Auch die mitgebrachten bzw. in der Fremde relativierten religi\u00f6sen Muster erm\u00f6glichen interessante Hinweise auf eine prozessuale Selbstorientierung. So wird die Reisende in Oberitalien mit der Mitteilung eines Konversionserlebnisses (\u201etraurig und erregend\u201c) in der Verwandtschaft br\u00fcskiert, was wiederum weitere religi\u00f6se \u00dcberlegungen ausl\u00f6st, die sich in Rom dann durch eine pers\u00f6nliche Begegnung mit dem Stellvertreter Christi noch verst\u00e4rken. Sinnliche und kultische Erlebnisse tun ein \u00dcbriges, die Autorin verweist bereits unterwegs darauf, dass Dostojewski den Papst ja als den Anti-Christ betrachtete, ein Vorgriff auf ihr sp\u00e4teres Buch \u201eDostojewski als religi\u00f6se Erscheinung\u201c (1921). 1905 sieht sie in Russland w\u00e4hrend der Kriegsniederlagen \u201edas Volk\u201c durch die \u201eD\u00e4monen\u201c aufgehetzt (\u201eum mit Dostojewski zu sprechen\u201c). Dort erkenne man wie immer keine politische Weitsicht und keinen Willen zu Reformen, stattdessen walteten \u201edunkle Elemente\u201c. Ihre Reisen innerhalb der heimatlichen Region des Baltikums, Pendelreisen zwischen der sp\u00e4teren Wahlheimat Berlin und den estnischen Familiensitzen bis hin zu fluchtartigen Reisen im Kontext der Oktoberrevolution von 1917 reichern ihre Erfahrung an, erg\u00e4nzt durch die Erlebnisse im n\u00f6rdlichen (Finnland, Schweden) westlichen (Rheinland, Schweiz) und s\u00fcdlichen (Italien) Europa. Frauen wie Theophile von Bodisco d\u00fcrfen als vergleichsweise mutig gelten, nicht nur weil sie den Beschwernissen von Seereisen trotzte und immer wieder Mitreisende ermunterte, sich unbekannten Reisezielen zu n\u00e4hern, sondern auch weil die neue Orientierung in der \u201averklingenden Welt\u2018 bei ihr in einem sehr umfassenden Sinn zu verstehen ist. Wenn Monika Hunnius in Italien \u201evom Verschwinden der eigenen Pers\u00f6nlichkeit\u201c spricht, dann zeigt sich bei Theophile von Bodisco eher das Gegenteil: sie findet zu sich selbst, zu ihrem Stand und zu ihrer Region.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kadi K\u00e4h\u00e4r-Peterson <\/strong>\/<strong> <\/strong>University of Tartu<br><strong><em>Garlieb Merkel\u2019s \u2018On Germany\u2019 \u2013 a semi-travelogue?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Garlieb Merkel was a writer who embraced the experimentation with new genres and the expansion of existing genre boundaries. For instance, in 1798, he published anonymously \u2019A Return to Fatherland\u2019 (Die R\u00fcckkehr ins Vaterland), which he idenfied as a \u2018semi-novel\u2019 (Halbroman). Exactly two decades later, Merkel published a two-volume work \u2018On Germany, as I found it again after a ten-year leave\u2019 (Ueber Deutschland, wie ich es nach einer zehnj\u00e4hrigen Entfernung wieder fand). Although the work is titled as a travelogue, its content evolved into a broader reflection on the future of Europe. This prompts the question of whether it can truly be considered a travelogue at all. If the play with genres is continued, perhaps it can be labelled as a \u2018semi-travelogue\u00b4?<\/p>\n\n\n\n<p>Another question arises from Merkel\u2019s activities in Germany in 1816-1817 and the letters written in that period. Was it a travel, or an unsuccessful return to a desired fatherland? The aim of this paper is to discuss these questions and analyse how they influence the given travelogue.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Olev Liivik <\/strong>\/ Universit\u00e4t Tartu<br><strong><em>Sibirien-Tagebuch eines estnischen Deutschen \u2013 untypisches Reisetext<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kann man ein Tagebuch als einen Reisetext betrachten? Diese Frage stellt sich im Hinblick auf das Tagebuch eines aus Estland verschleppten Deutschen, der als Sondersiedler in Sibirien weilte, und dort ein Tagebuch f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren wurde in Estland ein Manuskript dieses Tagebuchs entdeckt, dessen Verfasser 1945 aus Estland nach Sibirien verschleppt wurde. Auf der Reise zur Sondersiedlung begann er, ein Tagebuch zu f\u00fchren, das er nach seiner Heimkehr zwei Jahre sp\u00e4ter beendete. Dieses Dokument ist einerseits ein unvergleichlicher und erstaunlicher Zeitzeugenbericht, der den stalinistischen Terror gegen die in Estland verbliebenen Deutschen darstellt, andererseits eine erlebnisreiche Schilderung vom Abschied von der Heimat, der R\u00fcckkehr in die Heimat und allem, was dazwischen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Vortrag wird der Verfasser des Tagebuchs, seine Absichten f\u00fcr das F\u00fchren des Tagebuchs und seine Erlebnisse in der fremden Umgebung behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kristel Pappel<\/strong> \/ Estnische Musik- und Theaterakademie<br><strong><em>\u201e\u2026 ich reise blos als\u00a0Mensch\u201c. Italienisches Theater im Spiegel der \u201eErinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel\u201c August von Kotzebues<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>August von Kotzebues dreib\u00e4ndige \u201eErinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel\u201c aus dem Jahr 1805 ist einer der spannendsten und facettenreichsten Reiseberichte der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Kotzebues Reisekosmos umfasst das Leben in seinen unterschiedlichsten Erscheinungen und stellt in seiner Form eine unkonventionelle \u201eGattungsmischung\u201c dar, wie ihn Alexander Ko\u0161enina (2020) bezeichnet hat.<br>Einen wichtigen Platz in diesem Reisekosmos nimmt das Theater ein. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit besuchte Kotzebue w\u00e4hrend seiner Reise Theaterauff\u00fchrungen\u00a0\u2013\u00a0von der Opera seria bis zum Stra\u00dfentheater eines Pulcinella. In der Musik- und Theatergeschichtsschreibung gilt die Zeit um 1800 in Italien als Krise. Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich das italienische Theater, insbesondere die musikalischen B\u00fchnenformen, in Kotzebues Reisebeschreibungen widerspiegeln. Was ist ihm, dem Dramatiker und Theatermenschen, wichtig zu beobachten und seinen Lesern zu vermitteln? Und, zuletzt, was erfahren wir \u00fcber seine \u00e4sthetischen Prinzipien?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Silke Pasewalck <\/strong>\/ Bundesinstitut f\u00fcr Kultur und Geschichte des \u00f6stlichen Europa, Universit\u00e4t Oldenburg<br><strong><em>Postmemoriale Reisen ins \u00f6stliche Europa am Beispiel von Sophie Pannitschkas \u201eDorpat und die gr\u00fcne Kiste\u201c (2021) und Christiane Hoffmanns \u201eAlles war wir nicht erinnern\u201c (2022)<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Motiv der postmemorialen Reise findet sich in zahlreichen literarischen Texten der Gegenwart. Die Erz\u00e4hltexte changieren zwischen Erinnerung, Recherche und Imagination und inszenieren eine Suchbewegung auf den Spuren unbew\u00e4ltigter Erfahrungen ihrer Vorfahren. Die Suche f\u00fchrt in die Herkunftsregionen ihrer Familien, die diese aufgrund der Vernichtungspolitik und der Zwangsmigrationen im Zuge des Zweiten Weltkrieges \u2013 zumeist fluchtartig \u2013 verlassen mussten. F\u00fcrs Baltikum w\u00e4ren etwa Bianca SchaalburgsGraphic Novel<em> Der Duft der Kiefern <\/em>(2021)oder Bettina Henkels Dokumentarfilm<em> Kinder unter Deck <\/em>(2019)zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum meines Vortrags stehen zwei Prosatexte, die jeweils eine postmemoriale Reise zur Grundlage haben sowie diese erz\u00e4hlend erarbeiten. W\u00e4hrend Sophie Pannitschkas Reise nach Tartu auf den Spuren der Fotografen-Familie Schulz f\u00fchrt, von der sie abstammt, geht Christiane Hoffmanns Reise vom Herkunftsort ihres Vaters aus und vollzieht den Fluchtweg aus Niederschlesien buchst\u00e4blich nach. Beide Texte setzen sich \u2013 auf jeweils unterschiedliche Weise \u2013 mit dem Spannungsfeld von Erinnern und Nicht-Erinnern(k\u00f6nnen) sowie mit der deutschen Geschichte des jeweiligen Ortes\/der jeweiligen Region und deren Verschwinden auseinander. Welche Rolle kommt in diesen Texten der Reisebewegung selbst zu, der Begegnung mit den heutigen Orten und Bewohner? Welche Bedeutung hat das Medium der Fotografie im Wechselverh\u00e4ltnis mit dem geschriebenen Text? Inwiefern wird das famili\u00e4re Erbe als ein geteiltes Erbe begriffen? Und welche Funktion hat hierf\u00fcr die Reise und die Begegnung mit den heutigen Bewohnern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Ananieva; Rolf Haaser \/\u00a0Universit\u00e4t T\u00fcbingenBekenntnisse eines sentimentalen Reisenden: Die verschlungenen Reise- und Lebenswege in der autofiktionalen Prosa August von Kotzebues Der in Weimar geborene August von Kotzebue (1761-1818) lie\u00df sich im Alter von 22 Jahren in Reval (Tallinn) nieder. &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":99,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"class_list":["post-95","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/95","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/99"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/95\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115,"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/95\/revisions\/115"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sisu.ut.ee\/baltischereisetexte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}